Alle Filme werden im  Filmmuseum München
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Film und Psychoanalyse






















































Frühere Filmvorführungen

Thema: Perversion

„Film“ an sich ist anders als andere mediale Präsentationen eines Stoffes ein „exhibitionistischer“, auf der Seite des Zuschauers eine Art „voyeuristischer“ Akt. Der Zuschauer unterliegt einem unweigerlichen Sog in ein Geschehen, das er aus der artifiziell hergestellten Sicht des Kameraauges und damit des Regisseurs direkt „miterlebt“ und außer durch Abbruch der Teilnahme wenig kontrollieren kann. Während Lektüre, Hörspiel, eine Erzählung, sexuell-erotisch-pornografische Ereignisse, sogar Fotos oder Gemälde der eigenen Fantasiebildung des Rezipienten weiten Raum eröffnen, setzen wir uns im Film in dramatischerer und direkterer Weise der (fremden oder uns nahen) Welt Anderer aus. In der Filmreihe „Perversion“ wollen wir der Frage nachgehen, worin der Reiz der Teilnahme an sadistischen, masochistischen, kurz gesagt perversen Akten besteht.
Ab welchem Moment empfinden wir Filminhalte – vielleicht individuell verschieden – als „pervers“? Müssen dazu Gewaltakte visuell zur Darstellung kommen, oder genügen dazu auch „gedankliche“ Perversionen der Protagonisten? In welcher Verbindung stehen diese „Perversionen“ mit anderen psychopathologischen Prozessen der problematischen „Helden“? (frühe Deprivation, libidinöse Traumatisierung der handelnden Personen, Rachebedürfnis ...)
Wir wollen untersuchen, mit welchen filmischen Mitteln (Kameraführung, Darstellung des plots ...) Perversion auf der Leinwand zur Darstellung gebracht wird und auf die unterschiedlichen Zuschauerpersönlichkeiten wirkt. Wo sublimieren wir eigene ungeliebte perverse Fantasien? Wodurch und warum lassen wir uns durch das Eindringen perverser Bilder und Handlungsfolgen erregen oder auch entspannen? Welche „Perversionen“ machen uns ängstlich, welche genießen wir, welche hinterlassen in uns ambivalente Gefühle.
Dr. Corinna Wernz, Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie


Sonntag 03. Juli 2011, 17:30 Uhr
Rokugatsu no hebi (engl. A snake of June; deutsch: Rinkos Geheimnis)
- Japan 2002 - R: Shinya Tsukamoto – B: Shinya Tsukamoto – K: Shinya Tsukamoto - D: Asuka Kurosawa, Yuji Kohtari, Shinya Tsukamoto - 77min.– OmU
Einführung und Kommentar: Heidi Spanl und Matthias Baumgart

Die Telefonseelsorgerin Rinko und ihr Mann Shigehiko leben in einer kinderlosen Ehe, die gekennzeichnet ist von scheinbarer Ereignislosigkeit und Distanz. In ihr Leben kommt eine erst allmähliche, dann zunehmend fieberhafte Bewegung, als Rinko von Iguchi, einem ehemaligen Klienten und Voyeur beim Masturbieren fotografiert und damit erpresst wird. Sie wird gezwungen - von Iguchi dirigiert und wiederum beobachtet - erotische Phantasien an öffentlichen Orten aus zuleben. Damit beginnt eine Kette von voyeuristischen Szenen und Beziehungsbildern, die zunehmend auch Shigehiko, der die erpresserische Beziehung entdeckt, und natürlich auch den Zuschauer einbeziehen. Die Geschichte nimmt eine dramatische Wende, als der Iguchi eine Brustkrebserkrankung bei Rinko zu entdecken scheint. Was aber (film-)wirklich, was phantasiert ist, beginnt mehr und mehr zu verschwimmen. Tsukamotos „Rokugatsu no hebi“ mit seinen durchwegs traumartig blau eingefärbten Bildern lässt sich einordnen in die Bildästhetik des postmodernen Kinos in der Tradition von David Lynch und erweitert gleichzeitig die Tradition japanischer Leinwand-Kalligraphie um die Bereiche Sexualität, Gewalt und Neurose.

Sonntag 29. Mai 2011, 17:30 Uhr
Blue Velvet
- USA 1986 - B. u. R: David Lynch - K: Frederick Elmes - D: Isabella Rossellini, Dennis Hopper, Laura Dern, Kyle MacLachlan, Dean Stockwell. 116 min. - Original
Einführung und Kommentar: Corinna Wernz und Mathias Lohmer

Der Film lässt sich nach gängiger Meinung den Genres Thriller, surrealistischem Film und „modernem“ Film noir zuordnen. Erzählt wird die Geschichte des Collegestudenten Jeffrey Beaumont, der unter die Oberfläche einer idyllischen amerikanischen Kleinstadt gerät und dort mit Gewalt, Korruption und perversen Sexualpraktiken konfrontiert wird. Das Spektrum der Devianz weist jedoch auch Erpressung, Kidnapping, Verstümmelung, Mord, Vergewaltigung und Drogenkonsum auf. Der Film erreichte einerseits rasch Kultstatus und wurde vielfach ausgezei chnet, andererseits provozierte er auch heftige Ablehnung als „gewalttätig“ und „sexistisch“, bis hin zur Verweigerung der Vorführung bei den Filmfestspielen in Venedig. Die vielfältigen Interpretationen des Filmes heben die Ebenen der Symbolik, der Semantik einer Traumerzählung aus der Sicht eines Protagonisten und einer kulturkritischen Sicht auf das „Verborgene“ in einer prototypischen amerikanischen Kleinstadt und dem seelischen „Untergrund“ ihrer handelnden Personen hervor. Für unsere Reihe zum Thema „Perversion“ ist von besonderem Interesse, wie filmische Mittel wie Licht, Farbgestaltung, Musik und wiederkehrende Motive in ihrer Zusammenwirkung den Zuschauer in eine zugleich verstörende und faszinierte Stimmung versetzen.


Sonntag 01. Mai 2011, 17:30 Uhr
La Pianiste (Die Klavierspielerin)
- D, F, Aus, Pol 2001 – R+B: Michael Haneke nach dem Roman von Elfriede Jelinek – D: Isabelle Huppert, Annie Girardot, Benoit Magimel - 131 min - OmU
Einführung und Kommentar: Katharina Leube und Irmgard Nagel

Erika Kohut ( Isabelle Huppert) Klavierlehrerin am Wiener Konservatorium, lebt in verzweifelter, ausweglos scheinender Symbiose und Hassliebe mit ihrer Mutter ( Annie Girardot), von der sie täglich kontrolliert und tyrannisiert wird. Mit ebenso gnadenloser Herablassung und subtiler mentaler Gewalt traktiert sie ihrerseits ihre Schüler. Ihre offenbar unerträgliche innere Spannung versucht sie voyeuristisch durch Besuche in Pornokinos oder Beobachtung Anderer beim Sex und emotionslose Selbstverstümmelungsakte zu lindern. Als ein begabter, vitaler und attraktiver Schüler (Benoit Magimel), angezogen von dem Wunsch, die hinter ihrer Fassade von Unnahbarkeit und Grausamkeit schlummernde sexuelle Glut zu entfachen, versucht, sich ihr zu nähern, wird ihr bislang mühsam gebändigtes sadomasochistisches Erleben manifest. Sie verliert die Kontrolle über ihn, die ihr zumindest eine Art verzweifelter Befriedigung verschafft hatte, während er ihre Sehnsucht nach Liebe und Erlösung verkennt und seinerseits seine Selbstachtung durch Gewalt zurückzugewinnen versucht.
Michael Hanekes Adaptation ( 2001) von Elfriede Jelineks autobiographisch getöntem Roman gelingt die Umsetzung von Jelineks kühl sezierender und gleichzeitig enorm bildhafter Prosa in ästhetisch-klinische puristische Bildersprache perfekt. Beeindruckend sind Isabelle Hupperts vielschichtige Darstellung dieser verstörten Persönlichkeit und Benoit Magimel als lebendig-anziehender, in Bedrängnis geraten, aber auch gewalttätiger Mann.


Sonntag 03. April 2011, 17:30 Uhr
Peeping Tom
- UK 1960 - R: Michael Powell, - B: Leo Marks, - D: Karlheinz Böhm, Anna Massey - 101 min. - unzensierte UK-Fassung
Einführung und Kommentar: Vivian Pramataroff-Hamburger und Andreas Hamburger

Peeping Tom, der einzige Bürger von Coventry, der seine Fürstin Lady Godiva zu beobachten wagte, als sie nackt durch die Stadt ritt, musste noch ödipal erblinden. In seinem Film von 1960 unterlegt Michael Powell der Legende einen neuen, präödipalen Sinn – nun geht es nicht mehr um Begehren und Schuld, sondern um das Trauma von Film und Psychologie: Thema ist das zwanghafte Betrachten der Gefühle von Menschen. „Peeping Tom“hat die zeitgenössischen Zuschauer tief verstört (nicht zuletzt wegen seiner Besetzung mit Karl-Heinz Böhm, dem Traumkaiser aus „Sissi“, dessen Karriere danach schwer beschädigt war, wie auch die des Regisseurs). „Die einzig befriedigende Weise,Peeping Tom zu entsorgen“, schrieb die Daily Tribune, „wäre, ihn zusammenzuschaufeln und den nächsten Gully hinunterzuspülen. Allerdings der Gestank würde bleiben.“ Der erst zwanzig Jahre später in den Kultstatus erhobene Film porträtiert letztlich den Zuschauer selbst, als Filmer und als Psychologen, in seiner Schaulust und seinem Schau-Zwang. Voyeurismus, neu definiert.


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